Direkt mit der Öffnung der Bestellbücher habe ich das Model S Plaid+ geordert; weder weil ich E-Auto Fan wäre, noch aufgrund einer Notwendigkeit von angekündigten 1.100 PS und mehr. Mich reizte die Erfahrung aberwitziger Leistung in einem reisetauglichen Familienauto mit 0,5%-Regelung: so habe ich mir 150.000 € schön geredet. Im Frühjahr 2021 sollte das Auto kommen.
Der geneigte Leser weiß, dass der Plaid+ mit Musks Tweet „Plaid is good enough“ gekillt wurde. Offiziell habe ich als Besteller nie davon erfahren. Lediglich der Preis wurde in einer lapidaren Mail automatisiert geändert. Aber auch 322 km/h fetzen bestimmt und statt über 800 km sind auch 630 km für rund 25 Riesen Ersparnis tauglich für den Winterurlaub.
Spoiler. Diesen Bericht schreibe ich gerade aus den Alpen-Ferien, in die ich mit einer V8 S-Tonne gefahren bin.
Nach einem halben Dutzend Verzögerungen habe ich im Herbst das Auto bezahlen müssen, geliefert wurde noch einige Verzögerungen später in der vergangenen Woche. Zunächst dazu: trotz mehrfacher Nachfragen waren Ende Dezember Sommerräder drauf. Ich habe so lange genervt, bis ich die 4.000 € Winterreifen drauf hatte, die laut Bestellung im Winter stets ausgeliefert werden. Die Radkappen sind bis heute nicht da, soll ich besser bei eBay bestellen. Die Übergabe fand in Schönefeld statt. Man trifft sich in einem Lagerraum dekoriert mit rotem Tesla-Fähnchen und einem Tresen mit Nespresso-Maschine, geht mit Kapselkaffee durch das Parkhaus und bekommt sein Auto nach kurzer Einweisung. Also wie Leihwagen auf Malle.
Was wurde bis heute nach reichlich Nachtragen nie klar? Wie dieses Auto Tempo 322 bringt. Dazu benötigt man auf der Webseite von Tesla einen Kniff: man muss nämlich auf die Kachel mit jener Topspeed-Angabe klicken und erhält die Info like „denkste“. Es ist ein Upgrade nötig, von dessen Umstände niemand etwas weiß. Vielleicht ist hier jemand schlauer? Ich will es haben.
Jetzt endlich zu den ersten Kilometern: Leise, besser verarbeitet als gedacht und typisch verspielt.
Fahrwerk nicht so hart wie andere einschätzen. Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich sonst Sportwagen fahre.
Das Yoke-Lenkrad ist beim Fahren grundsätzlich gut; Sicht auf Straße und Tacho-Display ist besser. Aber die Tasten sind mit Fernlicht und Hupe auf dem Lenkrad teils etwas zu weit weg und die übereinander angeordneten Blinker zu wenig intuitiv. Das hat z.B. Ferrari mit seinen Lenkrad-Blinkern besser gelöst – die sind nämlich einfach rechts und links. Richtig tricky sind rangieren und enge Kreisverkehre, man greift ins Leere.
Das passiert auch auf dem großen Display. Schrift und Tasten sind teils zu klein und während der Fahrt trifft man einfach nicht. Ich dachte, man kann auch sprachsteuern. Zwar versteht der richtig gut, aber er setzt nicht um. Sprache funktioniert etwa bei Mercedes Mbux besser – hier praktisch nur beim Navi.
Das übrigens ist nicht gut. Ich habe gerade mal 700 km runter und war schon mehrfach in Baustellen, Sperrungen und falschen Zielen. Passiert mit Google kaum. Er scheint auch automatisch Supercharger hinzuzufügen, selbst wenn die in der falschen Richtung und 40 km entfernt sind.
Apropos. Bevor ich zum geilen Teil komme, jetzt der Grund, warum ich sehr plötzlich entzaubert wurde. Die Reichweite. Ich bin vorher 2x kurz E-Autos gefahren: den P100D und den Taycan. Beide haben angefangen Spaß zu machen und waren dann alle. Aber ich hoffe auf meine falsche Berechnung und eure tausenden Kilometer Erfahrung. Denn es scheinen selbst die Hälfte der angegebenen 630 km nicht realistisch zu sein. Ich lud das Auto auf (so habe ich es verstanden) langlebige 80 % und bin mit bis zu 160 km/h zu meinem ersten Ziel 35 km weit gefahren. Da waren es noch 65 %. Mein nächstes Ziel war 130 km weg und ich habe die Reichweite und den Verbrauch prüfen können. Zunächst mit 130 km/h und dann 150 Stundenkilometer Tempomat. Diese lächerliche Geschwindigkeit ist übrigens das höchste der Gefühle eines 1.020 PS-Autos mit Tempomat. (Den Autopiloten habe ich nur ganz kurz probiert, der will alle paar Sekunden eine Lenkbewegung – na das kann ich dann auch alleine.) Nach 100 km ging es mit knapp 20 % von der Autobahn und der Rest war Landstraße. Ich habe also mit gemächlichem Tempo 60 % Akku für 130 km ohne jedwede Eskalation benötigt. Wie soll ich an einem Tag aus der Region Berlin in die Alpen?
Ich habe mir tatsächlich einen S 500 organisiert, bin damit heute 930 km gefahren und möchte nun wissen: mit welchem Tempo ist es realistisch in einer angemessenen Zeit ins Skigebiet zu kommen? Wie stellt ihr die Heizung ein? Ich fahre nicht allein und könnte irgendwie Gewicht sparen, sondern mit Kids und vollem Kofferraum.
Übrigens kleiner Fail hier: er ist wie beim billigen Kleinwagen nur 1/3 2/3 umlegbar. Ski in der Mitte isn’t.
So, jetzt endlich zum krassen Part.
Es ist absurd, wie dieses Auto beschleunigt. LaunchControl-Konditionierung mit Gepard-Stellung dauert ewig. Aber es lohnt sich. Mit Winderrädern ist die viel zu kleine Leistungsanzeige (gibt’s die eigentlich detaillierter?) im unteren Teil des Tacho-Screen bis Tempo 100 gar nicht auf Vollausschlag. Von 100 bis 200 vergehen 5 Sekunden und bei etwa 250 km/h nimmt das Auto schon wieder Leistung weg. Es geht so schnell. Es ist selbst für Sportwagenfahrer so heftig, dass ich vor Aufregung ins Schwitzen kam! 3x hatte ich von 0 auf Topspeed probiert und ich war echt fertig mit den Nerven. Mega. Was kostet das? Ich habe es mit dem Verbrauchsgraphen näherungsweise ermittelt: das Tesla Model S Plaid verbraucht bei Höchstgeschwindigkeit pro Kilometer 1% Akku.
Es sind sehr lustige Kilometer. Ich mag das Auto. Aber bisher ist es nur ein Spielzeug für die kurze Distanz. Vielleicht lese ich hilfreiche Kommentare und melde mich im Februar aus Österreich mit einer tollen Reiseerfahrung. Ansonsten hat das Auto noch unterhaltsame Features wie den Track Mode. Ja, den habe ich auch kurz probiert. Zu kurz.
Noch zwei Dinge für Cracks. Man soll einen PS5 Controller verbinden können. Ging nicht. Mit dem Kabel vorn verbunden geht der nur kurz an, Bluetooth findet er nicht. Mein Sohn will seinem Spieltrieb folgen (keine Ahnung woher er das hat), aber ich habe keine Info in der Anleitung gefunden.
Und zweitens: kann man die „echte“ Höchstgeschwindigkeit freischalten?

