Lucid Motors

Hier nun mein ultimativer, persönlicher und selbstverständlich subjektiver Lucid-Testbericht. Fairerweise müsste man den Lucid Air mit dem Model S Plaid, dem EQS oder dem Taycan vergleichen. Damit kann ich leider nicht dienen. Ich kenne nur mein Model S von 2013 (das dafür nach fast 250 tkm ziemlich gut). Im Vergleich dazu liegt der Lucid Air wenig überraschend in fast jeder denkbaren Disziplin meilenweit vorn.

Zusammenfassung

Lucid meint es ernst und der Lucid Air ist real. Der Store und das Service Center in Hilversum sind geräumig und repräsentativ. Der Store gliedert sich in eine einladende Lounge und einen großen Auslieferungsbereich. In beiden Bereichen steht je ein frei zugängliches Fahrzeug zum ausgiebigen Anfassen. Im Service Center standen vier Fahrzeuge auf und neben den Bühnen, auf dem Parkplatz vor dem Haus zwei Vorführwagen und hinter dem Haus nochmal fünf oder sechs weitere Fahrzeuge, eins davon mit zusätzlicher Sensorik zur Umgebungsvermessung auf dem Dach.

Die Mitarbeiter waren sehr zugewandt, hilfsbereit und aufmerksam. Sie kannten sich mit den technischen Daten und der Bedienung der Fahrzeuge sehr gut aus, kamen bei tiefergehenden technischen Fragen aber ins schwimmen. Sehr positiv fiel auf, dass sie nicht versucht haben, kritischen Anmerkungen wegzudiskutieren, sondern sich im Gegenteil eine Menge Notizen gemacht haben, offenbar, um unser Feedback weiterzugeben. Sowas habe ich bei Tesla nicht erlebt, da geht Kommunikation immer nur one way (von Fremont aus).

Mir gefällt das Auto. Für das, was es mehr kostet, bietet es auch einiges mehr. Grundsätzlich könnte ich es mir als Nachfolger meines Model S vorstellen. Wer heute bestellt, dem wird eine Auslieferung „noch im Sommer“ versprochen, auch in Deutschland.

Positiv

Der Sitzkomfort ist von einem anderen Stern als alles, was Tesla zu bieten hat. Die Sitze sind unglaublich bequem, und zwar hinten gleichermaßen wie vorn. Keiner von uns wollte freiwillig wieder aussteigen. Mit meinen 1,97 m habe ich im Lucid nur wenig mehr Kopffreiheit, als im Tesla, aber die Kopfstützen, die in meinem Model S vorn zu kurz und hinten viel zu kurz sind, passen im Air rundum auf allen Sitzen.

Die vorderen Sitze sind vielfach und in weiten Bereichen verstellbar und bieten neben Heizung und Lüftung auch eine Massagefunktion. Die Lehne lässt sich bis in Liegeposition zurück legen. In dieser Position könnte man sofort einschlafen, es entstehen keine störenden Unebenheiten und die verstellbare Kopfstütze gibt ein perfektes Kopfkissen ab.

Die hinteren Sitze im Lucid leiden grundsätzlich an derselben Krankheit, wie im Model S: Zwischen dem Akku unten und dem abfallenden Dach oben bleibt zu wenig Platz, man sitzt folglich zu tief mit angewinkelten Beinen. Die Option mit den „Fußgaragen“ (Ausschnitte im Batteriepack, wie im Taycan) konnten wir leider nicht testen. Dennoch ist der Sitzkomfort im Lucid klar besser, und der riesige Radstand ermöglicht nicht nur (noch) mehr Beinfreiheit als im Model S, sondern auch mehr Ellenbogenfreiheit, da die Radhäuser den Sitzbereich, anders als im Model S, nicht einschränken. Es gibt hinten eine ausklappbare Mittelkonsole sowie drei elektrische Rollos (links, rechts und Heckscheibe), die ebenso wie die Klimaanlage über ein eigenes Display von den Fondspassagieren selbst steuerbar sind.

Die Fahrassistenten (ich habe Lane Assist und adaptiven Tempomat ausprobiert) sind vom Allerfeinsten. Sie arbeiten so souverän und vorausschauend, dass der Eingriff für die Mitfahrer nicht zu bemerken und selbst für den Fahrer kaum spürbar ist. Das habe ich so noch in keinem anderen Auto erlebt und es hat mich sehr beeindruckt.

Das Bedienkonzept finde ich überzeugend, im persönlichen Erleben noch weit mehr als aus Fotos und Videos. Es ist absolut sinnvoll, dass es links neben dem Lenkrad noch einen Touchscreen gibt mit statisch angeordneten Buttons für den Schnellzugriff auf die wichtigsten Funktionen — Licht, Scheibenwischer, Frunk, Ladeport, Verriegelung. Es gibt zudem ein paar mehr physische Knöpfe, als bei Tesla: Temperatur, Lüftung, Lautstärke. Diese sind ästhetisch nahtlos in den Innenraum integriert und wenn man sie nicht benutzen möchte, stören sie auch nicht. Alle Funktionen — sowohl die aus dem Schnellzugriff, als auch die mit physischen Knöpfen — sind ausnahmslos auch im Menü des Touchscreens jeweils dort zu finden, wo man sie erwartet. Der Sitz hat die gleichen Bedienelemente wie bei Tesla (Längs- und Höhenverstellung sowie Lordosenstütze). Auch diese finden sich im Menü des Touchscreens wieder, zusammen mit einer Fülle weiterer Sitzeinstellungen (Oberschenkelauflage, Seitenhalt, Kopfstütze). Außenspiegel und Lenkrad sind ausschließlich über den Touchscreen verstellbar.

Die Rekuperation ist extrem stark, was ich sehr angenehm fand. One-Pedel-Driving in Vollendung! Wer das nicht mag, kann die Rekuperation natürlich in mehreren Stufen schwächer einstellen.

Auch die übrigen Fahreigenschaften wie Federungskomfort, Dämmung, Straßenlage und Lenkverhalten haben einen sehr guten ersten Eindruck hinterlassen, ein wirklicher Test und direkter Vergleich war auf der kurzen Probefahrt aber leider nicht möglich. Vom Model S kommend fühlt man sich am Steuer sofort heimisch und sicher, die Umgewöhnung ist minimal. Die Beschleunigung mit Launch Mode ist natürlich weit jenseits von Gut und Böse und hat im öffentlichen Straßenverkehr und in den Händen von Laien eigentlich nichts zu suchen.

Die Reichweite ist einfach krass und allen anderen zurzeit erhältlichen E-Autos (wie auch vielen Verbrennern) weit überlegen. Sie variiert zwischen den verschiedenen Modellen, aber die Mitarbeiter von Lucid schwören, dass sie es persönlich unter realen und sogar ungünstigen (winterlichen) Bedingungen ausprobiert haben, und dass die Angaben von Lucid realistisch erreichbar sind. Ähnliches gilt für die DC-Schnellladung, die aktuell ziemlich einsame Spitze ist. (Die genauen Zahlen müsst Ihr selbst nachlesen.)

Als AC-Ladung wird mit Selbstverständlichkeit serienmäßig ausschließlich 22 kW ausgeliefert. Das finde ich sehr sympathisch. 11 kW oder 16,5 kW Lader sind völlig unbekannt, mir wurde aber versichert, dass man den Lucid problemlos auch mit 11 kW laden könne. :wink:

Der Rückfahrscheinwerfer ist eine sehr gut Lösung, die ich so bis jetzt nur bei der S-Klasse gesehen habe: Die Rückfahrlichter sind tief angeordnet und strahlen hell, so dass sie tatsächlich den Fahrweg beleuchten.

Die Haptik aller Bedienelemente und alle Oberflächen sind auf demselben hohen Niveau wie die Sitze. Alles wirkt wertig, solide und aus dem Vollen geschnitzt, Porsche lässt grüßen. Die Daumenräder im Lenkrad zum Beispiel rasten präzise spürbar ein, kein Vergleich zu den wabbeligen Plastikrädchen im Lenkrad meines Model S.

Gemischter Eindruck

Im Unterschied zum Sitzkomfort ist der Einstiegskomfort überraschend schlecht: Der Dachbalken über dem Einstieg ist ungewöhnlich mächtig, so dass sich Menschen, die nicht sehr zierlich sind, beim Einstieg ein wenig verrenken müssen. Da helfen auch die beeindruckend weit öffnenden Türen (hinten 90°, vorn auch mehr als üblich) nichts.

Die mächtige A-Säule schränkt die Sicht für den Fahrer etwas ein, besonders für groß gewachsene Menschen, etwa vergleichbar mit dem Model X. Das Model S ist da etwas besser.

Während das Bedienkonzept grundsätzlich überzeugt (siehe oben), hat die konkrete Ausführung der Touch UI Software noch Kinderkrankheiten — teilweise dieselben wie mein Model S vor 9 Jahren. Ich kann förmlich schon vor mir sehen, wie das User Interface einen Reifeprozess durchläuft, bis alle Funktionen und Anzeigen genau so sind, wie sie sein müssen. Im Verlauf dieses Prozesses sollte auch die Performance (Reaktion auf Berührungen) noch deutlich gesteigert werden.

Der zentrale Touchscreen im Lucid Air ist deutlich kleiner, als der im Tesla, dafür lässt er sich versenken, was ästhetisch eine sehr schöne Lösung ist. Alle wesentlichen Funktionen, die man während der Fahrt braucht, sind auch ohne „iPad“ erreichbar, entweder über die Touchbereiche rechts und links vom Lenkrad, oder über die erwähnten physischen Knöpfe. Das ist umso wichtiger, als der große Touchscreen für eine sichere Bedienung während der Fahrt zu tief angeordnet ist.

Das Lenkrad lässt sich für meinen Körperbau (sehr lange Beine) nicht ganz weit genug herausfahren. Dadurch fahre ich mit relativ gestreckten Armen. Im Model S habe ich das Lenkrad auch maximal weit herausgefahren, da passt es für mich etwas besser. Auch die Höhenverstellung des Lenkrads ist kompromissbehaftet: Ich konnte die Einstellung letztlich nicht nach meinen physischen Vorlieben wählen, sondern musste es höher einstellen, um alle Anzeigen ablesen zu können. Das Problem lässt sich mit Software-Änderungen sicher noch etwas entschärfen.

Über Ästhetik kann man bekanntlich streiten, aber man sollte sich das aufsparen, bis man den Lucid Air einmal „live“ erlebt hat. Der Lucid Air ist definitiv nicht hässlich, aber auch nicht so zeitlos-elegant wie das Model S. Für mich ist der einfach unfassbar große Radstand das definierende Design-Element. Dadurch wirkt das Fahrzeug avantgardistisch und die Proportionen erinnern an die Langversionen von S-Klasse oder 7er. Tatsächlich ist der Innenraum (zumindest in Längsrichtung) ähnlich geräumig, trotz wesentlich kompakterer Außenmaße.

Der lange Radstand und der großzügige Innenraum bei vergleichsweise kompakten äußeren Abmessungen bedeutet unter anderem auch eine relativ kurze Front („Motorhaube“), die zudem aus aerodynamischen Gründen nach vorn abfällt. Das führt zu der leicht irritierenden Situation, dass man in einer üppig ausgestatteten Luxus-Limousine mit großzügigen Platzverhältnissen sitzt, aber die Frunkhaube nicht im Blickfeld ist. Bei „klassischen“ Luxus-Limousinen müssen unter der Motorhaube 8, 10 oder 12 Zylinder Platz finden, was dazu führt, dass man den Motor quasi vor sich her trägt und die mächtige Motorhaube (gern mit Kühlerfigur) stets im Blickfeld des Fahrers ist.

Negativ

Klar, der Kofferraum. Er ist durchaus geräumig, aber an die Praktikabilität eines Fünftürers kann ein Viertürer nun mal nicht heran reichen. Ich habe selten Waschmaschinen oder 50-Liter-Bierfässer zu transportieren, aber wenn doch — mein Model S macht‘s klaglos. Mit dem Lucid keine Chance. Unser Familienreisegepäck würde in den Lucid sicher rein passen (in ein Model 3 eher nicht), aber die Verladung wäre definitiv weniger bequem.

Was war sonst noch?

Das Glasdach ist vergleichbar mit dem Model S, wobei die Frontscheibe eher vergleichbar mit dem Model X ist und sich nahtlos ins Dach zieht. Aus dem Grund gibt es (wie im Model X) keine Option für ein Schiebedach, was ich persönlich sehr schade finde. Das große Schiebedach an meinem Model S nutze ich gern und viel. Wie beim Model S mit Glasdach sind auch beim Lucid Air Aufnahmen für Dachgepäckträger vorhanden. Die dynamische Dachlast beträgt 75 kg, wie beim Model S.

Der Birdview, den man per Touchscreen auch kippen und rotieren kann, macht Spaß und ist sehr hilfreich, obwohl der Lucid trotz des langen Radstands grundsätzlich leicht zu rangieren und zu parken ist.

Zusätzlich zum üblichen Totwinkel-Warner kann man wahlweise auch eine Totwinkel-Ansicht aktivieren: Im Instrumentcluster erscheint dann ein Kamerabild vom toten Winkel, sobald man blinkt. Sehr nett, allerdings bevorzuge ich persönlich immer noch den guten alten Schulterblick.

Es gibt keine Anhängerkupplung, was mir persönlich vollkommen gleichgültig ist.

Der Lucid Air hat „Jesus Handles“, aber nur über den hinteren Türen.

Die Mitarbeiter von Lucid haben darauf hingewiesen, dass Lucid zurzeit angeblich genug Cash für mindestens zwei Jahre hat, selbst wenn sie in dieser Zeit keinerlei Umsätze machen würden.

Bei dem Frühstück mit Probefahrt waren auch @cko, @iDrops und @Fjack dabei. Vielleicht schildern die ja auch noch ihre Eindrücke, um das Bild abzurunden.

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