Was ich von Tesla und dem Model 3 erwarte – und was nicht.

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Re: Was ich von Tesla und dem Model 3 erwarte – und was nich

von trayloader » 3. Apr 2018, 16:15

cer hat geschrieben:In den von mir beobachteten Threads beschäftigen sich ca. 80% der Posts mit Kritik, Problemen und düsteren Zukunftsaussichten bezüglich Tesla. Das ist relativ normal, denn nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, in dem Sinne, dass nur sie dem Überbringer Aufmerksamkeit bringen und die Basis für einen Diskurs liefern.

Ich habe eine Charaktereigenschaft, die mir schon viel Ärger und auch viel Spaß eingebracht hat: Das unbezähmbare Bedürfnis zu widersprechen, wenn die Meinung in einer Gruppe scheinbar oder tatsächlich in eine Richtung kippt. Würde hier nur gelobhudelt – ich würde mich gut und gern mit Kritik unbeliebt machen. Das ist aber aktuell nicht so, im Gegenteil. Und in einem von Kritik dominierten Umfeld werde ich unweigerlich zum Verteidiger.

Übrigens hat sich mir auf vielen Gebieten gezeigt, dass das Inkaufnehmen von Nachteilen, das Eingehen von Kompromissen und das Akzeptieren von Gefahren enorm dabei hilft, ein interessantes Leben, herausragende Produkte und gute Beziehungen zu haben.
Das Konzept, Nachteile möglichst restlos aus dem Leben zu eliminieren führt meiner Meinung nach schnurgerade in das gepflegte Mittelmaß.
Wenn ich das Model 3 als „wie für mich gemacht“ bezeichne, dann sind alle „Wenns“ und „Abers“ bereits eingerechnet. Insofern bin ich tatsächlich ein Fanboy, in dem Sinne, als ich für ein großes Plus auch bereit bin ein großes Minus zu akzeptieren, und dieses Minus, als eventuelle Bedingung für das Plus, gelegentlich sogar verteidige.

Im Folgenden möchte ich gern beschreiben, welche Probleme ich sehe, welche Kritik ich an Tesla habe und was mir am Model 3 (hier aus meinem Sessel heraus, also ohne Augenschein) nicht gefällt, auch damit niemand Sorge haben muss, ich würde irgendwann aus meiner „Tesla-Wolke“ fallen. Ich hoffe damit auch für andere zu sprechen, die des blinden Fantums bezichtigt werden.

1. Teslas Probleme:

1.1 Naja, wer sieht das nicht: Ein kreditfinanziertes Turbowachstum ist immer ein enormes Risiko. Ich habe allerdings auch gewisse grundlegende moralische Probleme damit, wenn sich jemand mittels Versprechungen Geld leiht, um mit den so finanzierten Investitionen später noch mehr Geld verdienen zu können, das er dann behält. Ist halt normal, gefällt mir trotzdem nicht wirklich.
1.2 Jedes Unternehmen, das sich um einen dominierenden Chef herum dreht, ist in zweifacher Gefahr, indem nämlich, erstens, diese Person Fehler machen kann, die für das ganze Unternehmen tödlich sind und, zweitens, eine Abhängigkeit von dieser Person entstehen kann, die das Unternehmen lahmlegt, wenn es ohne sie funktionieren soll. Es wäre wichtig, Verantwortung sauber zu verteilen und zwar so, dass im Sinne des aktuell manifesten Unternehmenszieles weiter gearbeitet werden kann (siehe auch 2.3 und 2.4 – potenzieller Missbrauch).

2. Grundlegende Kritik an Tesla

2.1 Tesla wird, wie jedes produzierende Unternehmen, nicht vollkommen „sauber“ sein können. Es besteht immer die Versuchung, an Stellen, wo keiner so genau hinschaut, nicht die nachhaltigste, nicht die humanste und nicht die ressourcenschonendste Lösung zu wählen.
2.2 Ich halte es für eine Illusion, technisch entstandene Probleme technisch nachhaltig lösen zu wollen. Tesla wird nicht die Welt retten, auch nicht, wenn alle ihnen folgen. Im Gegenteil verzögert der Erfolg des „Konzeptes Tesla“ den m.E. notwendigen Prozess der weltweiten Abkehr vom „mobilen Leben“. Mobilität ist eines der größten Umweltprobleme, und jeder, der eine kurzfristige Verbesserung auf diesem Gebiet schafft, verzögert den nötigen Kollaps, der dem Aufbau einer post-mobilen, post-materialistischen Gesellschaft vorangehen muss. Allerdings habe ich das Gefühl, dass bis zu diesem Wandel eventuell noch mehrere Jahrhunderte vergehen werden.
2.3 Tesla strebt nach einem neuen Monopol im Bereich Energie. PV ist in meinen Augen die Energieform, die uns noch am längsten begleiten und eines Tages den bei Weitem größten Anteil am Energiemix haben wird. Wenn PV, Energiespeicherung im Haus und Mobilität in einer Hand liegen, entsteht ein Kartell, mit allen entsprechenden Abhängigkeiten.
2.4 Dazu kommt: Tesla wird eine weitere Datenkrake. Tesla weiß, wo ich fahre, wann ich fahre, wohin ich fahre, und sogar, wie ich dabei aus der Wäsche schaue. Vielleicht wissen sie sogar, was im Auto geredet wird. Tesla weiß, wie viel Energie ich verbrauche, wann ich Energie verbrauche, und evtl. sogar, welcher Verbraucher angeschaltet ist. Ich kann das nur hinnehmen, indem ich (wie bei Smartphone und Laptop auch) die Augen davor verschließe.

3. Konkrete Kritik an Tesla
3.1 Teslas Kommunikationspolitik ist undurchschaubar. Wo nützlich, wird schonungslos offen kommuniziert, an anderen Stellen gibt es – gefühlt – eine merkwürdige Geheimniskrämerei. Elons Spieltrieb, der immer den Knalleffekt bei irgendwelchen Verkündigungen mit einkalkuliert, kann für den Kunden sehr anstrengend werden.
3.2 Das Superchargernetzwerk müsste aggressiver für andere Hersteller zugänglich gemacht werden. Damit könnte man sie in Zugzwang bringen und sich dem Vorwurf der Abgrenzung entziehen. Anbieten und dann die Arme verschränken ist mir zu wenig.
3.3 Die enge Bindung des Projektes „autonomes Fahren“ an die E-Mobilität macht zwar strategisch Sinn, ist aber taktisch gefährlich und unklug. Jeder Misserfolg im riskanten Bereich des autonomen Fahrens wird in der öffentlichen Wahrnehmung auf diese Weise ein Misserfolg der E-Mobilität. Wenn man kompromisslos schnell und breit E-Mobilität will, darf man so was nicht machen.
3.4 Tesla hat die Herausforderung des autonomen Fahrens unterschätzt und war zu teuren, aufwändigen und langwierigen Korrekturen gezwungen, die noch lange nicht abgeschlossen sind. Damit sind sie zwar weiter als alle anderen (die wohl immer noch von einer programmierbaren totalen Kontrolle träumen und ihren „Moment der totalen Enttäuschung“ erst noch vor sich haben), aber das haben Kunden mit Geld und Geduld bezahlt. Und es ist immer noch offen, ob der jetzt gewählte Weg zum Ziel führt.
3.5 Ich mag Teslas Vertrieb in Deutschland nicht. Da sind mir zu viele Petrolheads und KfZ-Kaufleute unterwegs und zu wenige echte „Botschafter“. Durch seine Personalpolitik wirkt Tesla in Deutschland träge, arrogant, ein bisschen gewollt schickimicki und recht wenig engagiert.
3.6 Der Roadster II mag geil sein, ich finde ihn unnötig und denke, er setzt ein falsches Signal. Denn die Etablierten werden hier gegenhalten wollen. Und die Kunden gewöhnen sich an absurde, maximal verschwenderische Zahlen.
3.7 Die Qualitätssicherung reicht nicht. Tesla kann im Prinzip offensichtlich gute Qualität, aber es wird zu viel auf die Straße gelassen, was Anlass zu Kritik gibt oder Kunden frustriert. „Fail faster“ ist schon ok, das sollte man aber möglichst nicht auf offener Bühne machen, sondern im Haus lassen. Und gerade in Europa genügt es nicht, wenn etwas funktioniert. Es muss auch sauber aussehen. Das muss Tesla lernen und entsprechend umsetzen.
3.8 Teslas Aufpreispolitik kann man nicht anders nennen als rotzfrech. Sie brauchen Geld, versteh ich, aber manchmal übertreiben sie es.


4. Kritikpunkte am Model 3

4.1 Am Ende ist es halt doch auch nur wieder ein Auto wie alle anderen. 

4.2 Mir ist es tatsächlich immer noch etwas zu groß.
4.3 Der Verschluss des Frunk ist (wie schon beim X und S) eine konstruktive Armeleute-Lösung. Man kann nicht verlangen, dass der Kunde exakt auf einen bestimmten Bereich des Bleches drückt, der natürlich nicht markiert ist (aber es irgendwann sein wird: Es gibt interessante Wechselwirkungen zwischen Autolacken und Handcremes).
4.4 Die äußeren Türgriffe mögen superschick und aerodynamisch sein, aber ergonomisch sind sie eine Katastrophe, die man sich zwar schön reden kann, die aber deswegen nicht kleiner wird.
4.5 Ich misstraue dem Ladedeckel zutiefst. Das dürfte in seiner aktuellen Form ein Teil sein, das ständig kaputt ist.
4.6 Der unlackierte Bereich im Kofferraum ist echt Mist, da leuchtet der Rotstift. Vorne gibt es noch mal so einen nackten Bereich, aber der ist normalerweise wenigstens verdeckt. Bringt es wirklich so viel, hier zu sparen? Wird der Korrosionsschutz ausreichen?
4.7 Prinzipielles konzeptionelles Problem: Die Rücksitzbank ist zu niedrig und der Boden zu hoch. Da sitzen ganz bestimmt nur kleine Leute akzeptabel.
4.8 Die Bodenteppiche sind so billig, dass man das sogar auf dem Foto sieht. Der hintere wellt sich in der Mitte, gerade so, dass der schöne ebene Boden „gestört“ wird.
4.9 Der „Klavierlack“ ist ja wohl nix.
4.10 Das User Interface auf dem 15“ Monitor muss noch gründlich umgeräumt und verbessert werden. Vieles ist gut, aber manches ist einfach nicht fertig und so wie aktuell eigentlich nicht verkaufbar.
4.11 Die fehlende Notöffnung für die hinteren Türen – sowas darf man nicht machen.
4.12 Ich mag das vegane Leder nicht, vor allem nicht an den Türen. Glänzt speckig und erinnert mich an alte Taxis.
4.13 Die Dachverkleidungen sitzen nicht sauber. Das ist zwar bei fast allen Autos so, ich finde aber nicht, dass das eine Entschuldigung ist
4.14 Wie wird das Dach in der Grundversion? Das könnte richtig billig und blöd werden, wenn wir Pech haben.
4.15 Der Aufpreis für Long Range ist schlicht unverschämt.

Soviel für heute.


Ganz grossartige Zusammenfassung.
Besser kann man es kaum zusammenfassen.

ich hoffe sehr, daß die in D verantwortlichen PR und Marketingleute (Kathrin Schirra etc.) das analysieren und an Ihre Kollegen in den USA weiterleiten.

Danke dafür!
Amazing how when things get a little dark around TSLA, certain people appear but then disappear when things are brighter. Just like roaches.
 
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