Warum der Individual-PKW so bald nicht abgeschafft werden wird

Immer wieder wird ja gegen die Elektromobilität nicht nur von der rückwärtsgewandten Verbrennerlobby oder Leuten aus argumentiert, die einfach so weitermachen wollen wie bisher, sondern es gibt auch Kritik aus der Richtung der Leute, die den motorisierten Individualverkehr am liebsten gleich ganz abschaffen wollen und dessen Elektrifizierung für reines „Greenwashing“ halten. Man solle doch lieber die öffentlichen Verkehrsmittel besser fördern und ausbauen, als auf eine neue Antriebstechnologie für die Millionen von Privat-PKW zu setzen, von denen es ja eigentlich sowieso viel zu viele gibt.

Dieser Artikel im Spiegel Online bringt es meiner Meinung nach auf den Punkt, warum das nicht so einfach möglich sein wird und warum der ÖPNV momentan für viele keine Alternative ist. Das bestätigt mich in der Auffassung, dass wir auch mittelfristig nicht ohne motorisierten Individualverkehr auskommen (leider Paywall):

Wichtige Thesen:

»Als Rückgrat der Verkehrswende ist der ÖPNV aktuell ein Totalausfall«

»Fehlende Flexibilität und mangelnde Qualität«

Wer morgens im Homeoffice arbeitet und erst nachmittags ins Büro fahren will, bemerkt beispielsweise schnell, wie ausgedünnt die Verbindungen außerhalb der morgendlichen und abendlichen Stoßzeiten vielerorts sind.

»Bus und Bahn nutzen jene, die keine andere Wahl haben«

»Für eine wirksame Klimapolitik gilt der Verkehr als besonders kritisch, weil Menschen hier als veränderungsresistent gelten.«

1 „Gefällt mir“

So lange der ÖPNV nicht annähernd dieselbe Flexibilität wie das Auto bietet, werden die Leute auch nicht in zufriedenstellendem Maße umsteigen.
Ich wohne am Stadtrand von Hamburg und es gibt viele ÖPNV-Verbindungen, die entweder nach meinem Geschmack zu schlecht getaktet sind oder ich das zwei- oder dreifache der Zeit (inkl. Parkplatzsuche) mit dem ÖPNV brauche. Gerade zu Randzeiten ist das für mich ein Problem. Ich bin eine Nachteule und bin auch gerne abends/nachts auch unter der Woche mobil. Manchmal mache ich mich erst gegen 1 Uhr wieder auf den Weg zurück nach Hause. Den ÖPNV kann man dann knicken.
Auf dem Land ist das sicherlich noch schlimmer.
Ich sträube mich nicht generell gegen die Nutzung des ÖPNV, aber ich finde, dass man anstatt den PKW-Fahrern das Leben schwer zu machen, lieber den ÖPNV DEUTLICH attraktiver machen sollte. Eben Anreize anstatt Verbote.

4 „Gefällt mir“

Ich finde zumindest die zitierten Punkte sehr wenig überzeugend, weil die ja alle durch den vielfach geforderten intensiven Ausbau der Öffis entkräftet werden könnten.

Wenn man die Öffis nicht fördert, saniert, ausbaut, bleibt natürlich oft keine geeignete Alternative zum Auto. Sehr wohl aber wenn man das einfach mal tun würde.

Also eine komische Argumentation. Wenn die einzige Aussage ist, dass es noch etwas dauert bis der Individualverkehr stark zurückgeht - dann natürlich, klar. Um das zu erkennen brauche ich den Artikel nicht.

1 „Gefällt mir“

Ja, wenn man es denn einfach tun würde…
Aber ich denke, schon die Konzepte müssten grundsätzlich überdacht werden, damit der öffentliche Verkehr attraktiver wird. So etwas wie ein Hyperloop hätte z.B. den Vorteil, dass es zumindest bei der Geschwindigkeit das Autofahren weit übertreffen könnte, das könnte schon ein Argument sein.

Dass es auch anders geht, kann man in der Schweiz sehen. Ich habe da mal 3 Monate gearbeitet und bin die ersten zwei mal mit dem Auto runter gefahren, bis ich gesehen habe, wie öffentlicher Nahverkehr in der Schweiz funktioniert: Du kommst am Bahnhof an, steigst in die S-Bahn, an der Haltestelle, an der Du ankommst, wartet schon der Bus, der Dich noch weiter raus aus der Stadt bringt. Selbst mit Gepäck war das überhaupt kein Problem, die Züge waren pünktlich.

Das krasse Gegenteil hatte ich immer nur in Deutschland, wo die Züge Verspätung hatten und ich fast immer zum Anschlusszug gesprintet bin, um ihn vor der Nase wegfahren zu sehen.
Die Schweiz steckt halt auch viel mehr Geld in die Öffies, bis hin dazu, dass auch auf kleineren Bahnhöfen noch Mitarbeiter sind, bei denen man Fahrkarten kaufen kann.

Wenn in Deutschland ähnlich investiert werden würde, würde das auch hier gehen.

2 „Gefällt mir“

Wo funktionieren Öffis weltweit gesehen denn gut? In Großstädten.
Besonders in den Metropolen.
NYC, London, Singapur, Shanghai…

In Deutschland kann man zB in Berlin oder Köln gut auf das Auto verzichten.

Für das platte Land fehlt einfach die Dichte.
Wenn wir bereit sind alle in „Condos“ und Hochhäusern zu leben… aber wenn wir naturnah und ungestört leben wollen, wirds schwieriger.

3 „Gefällt mir“

Ich wohne zwischen Bonn und Köln. Also mitten im Ballungsgebiet. Ich habe zumindest das Glück, dass hier eine Bahn fährt und nicht nur ein Bus. Die Bahn fährt zu den Stoßzeiten mittlerweile auch alle 10 Minuten. Warum ich trotzdem nicht damit fahre hat zwei Gründe:

  • Der Preis ist unverschämt teuer (bsplw. nach Bonn (wo ich Arbeite) Fahrzeit 15 Minuten fast 5,- Euro). Mehrfahrtentickets machen es nur unwesentlich günstiger und Abo lohnt sich nicht, da ich im Wechsel im Homeoffice und im Büro arbeite.
  • Der Zustand (Sauberkeit) und auch Zuverlässigkeit ist mangelhaft. Die Bahnen sind teilweise aus den 80ern.

Mit dem Auto und sogar Fahrrad bin ich schneller, flexibler und günstiger unterwegs. Warum sollte ich Bahn fahren?

1 „Gefällt mir“

Das Schienennetz ist bei uns auch erheblich kleiner als in Deutschland, das sollte man nicht vergessen. Und wenn du hier (Schweiz) auf dem Land wohnst, hast du die gleichen Probleme wie in Deutschland. Zur Pendelzeit volle Züge und vor allem dann Nachmittags Verspätungen, da klappts dann auch mit den Verbindungen nicht mehr.
Was ich völlig doof finde, da will man ggf. tatsächlich mit dem ÖV pendeln und soll dann dafür doppelt zahlen. Also für das Ticket an sich und für den Parkplatz den man am Bahnhof benötigt. Da kann es durchaus billiger sein, doch lieber selber direkt hin zu fahren.
Und als Tüpfelchen oben drauf werden an den Bahnhöfen Parkplätze abgebaut und keine Alternative angeboten.

2 „Gefällt mir“

Du sollst ja nicht mit dem Auto fahren :stuck_out_tongue_winking_eye:

Gemäss dem Bundesamt der Statistik benutzt „nur“ ein Viertel in der Schweiz den ÖV. In der Schweiz ist an den Stosszeiten bereits heute komplett überfüllt und der ÖV bereits an ihren Grenzen des Möglichen, wenn man aktuell nur um 10% den Anteil im ÖV erhöhen würde, käme es zum Kollaps.
Eine Balance zwischen dem Individualverkehr und ÖV könnte eine Lösung mit sich bringen, wenn die Infrastrukturen auch folgen

Auch wenn mich jetzt vielleicht einige am liebsten steinigen möchten, so möchte ich noch einen ganz anderen Aspekt mit ins Spiel bringen:
Es gibt Menschen, die sind keine so - ich sag mal - Gesellschaftstypen. Ich fühl mich beispielsweise sehr oft in Gegenwart mehrerer fremder Menschen einfach unwohl. Die Jahre, in denen ich mit der S-Bahn zur Arbeit fahren musste, waren für mich daher alles andere als angenehm. Und die laut telefonierenden, mit offenen Mund Kaugummi kauenden oder Leberwurstbrot verzehrenden Menschen, sowie die abends oft angetrunkenen Type machten es mir nicht einfacher.
Wenn man dann noch in einen Wagen einsteigt, in dem sich zuvor jemand nach fünf Maß nochmal das Essen durch den Kopf hat gehen lassen, dann kommt irgendwann ein Punkt, an dem zumindest ich mit dieser Art der Personenbeförderung nichts mehr zu tun haben möchte.

8 „Gefällt mir“

Ein leidiges Thema, und zwar obwohl (oder gerade) weil ich Eisenbahner bin (allerdings im Güterverkehr). Es wurde einfach verschlafen und vermurkst im Privatisierungswahn, da war man eben in der Schweiz und zu einem gewissen Grad auch in Österreich nicht so kurzsichtig.

Bahnsteige wurden zurück gebaut (Zuglänge, man kann also oft nicht einfach einen weiteren Zug(teil) dranhängen), von ganzen Strecken die stillgelegt und mit Radwegen oder anderen Dingen überbaut wurden, ganz zu schweigen.

Nahverkehr soll möglichst „wirtschaftlich“ arbeiten (auch wenn es sowieso ein Subventionsgeschäft ist und von den Ländern bestellt und finanziert wird), was z.B. sogenannte „Kurzwenden“ hervorbringt. Kurzwenden bedeutet, dass zwischen der Ankunft am Ziel und der Abfahrt nur kurze Zeit vergeht, kommt also ein Zug verspätet an, fährt er auch wieder verspätet ab. Im Extremfall kann sich das durch den ganzen Tag ziehen. Warum? Um Fahrzeuge in den Umläufen zu sparen. Generell werden möglichst wenig Reserven vorgehalten, sowohl beim Personal als auch bei den Fahrzeugen.

Neuere Fahrzeuge werden immer störanfälliger wegen immer neuer Sicherheitsnormen (z.B. Türspaltüberbrückung, es muss sich erst ein Brett ausfahren damit ja keiner zwischen Bahnsteig und Zug treten kann, Einklemmschutz an den Türen, die Spezialisten, die die Tür noch aufhalten verursachen Störungen usw …)

Veraltete Stellwerkstechnik, für die es keine Ersatzteile mehr gibt (!). Zwar ein Beispiel im Güterverkehr aber könnte überall passieren: Ein Technikraum im Rangierbahnhof München Nord (übrigens Andi Scheuers „Zukunftsbahnhof“ :smiley: ) wurde vor ein paar Monaten überflutet. Für 50% des betroffenen Bahnhofsbereichs gibt es keine Ersatzteile mehr, geplante Inbetriebnahme ist aktuell Ende 2022!

Aber zu den Details könnte ich hier noch tagelang weiter schreiben :wink:

Wenn man wirklich was verändern will müsste der ÖPNV kostenlos sein, der Ausbau massiv vorangetrieben werden (was aber bedeutet das Verfahren von Planfeststellung, Genehmigung usw. müsste massiv überarbeitet werden), entsprechend ausreichende Parkplätze verfügbar sein (natürlich mit Lademöglichkeiten) und vor allem zumindest ein Grundangebot rund um die Uhr gefahren werden.

Als Lokführer bin ich natürlich im Wechseldienst, d.h. ich kann von 00:00 - 24:00 zu jeder vorstellbaren Zeit Dienstbeginn oder Ende haben. Ich pendle von Augsburg in den Münchner Osten und teilweise ist die letzte Möglichkeit, noch vernünftig nach Hause zu kommen um ca. 21:00 (!). Da bei der Bahn, besonders im Güterverkehr, nicht wirklich alles pünktlich läuft :wink: muss ich bei geplantem Dienstende 19:00-20:00 eigentlich bereits das Auto nehmen, will ich nicht das Risiko eingehen, nicht mehr nach Hause zu kommen wenn ich zwei Stunden Verspätung habe.
Selbst innerhalb Münchens (habe vorher in Pasing gewohnt) kommt man von Ost nach West nicht mehr weiter ab 01:00 - warum man nicht wenigstens ein mal stündlich die S-Bahn Linien auf dem gesamten Laufweg fahren kann wird sich mir nie erschließen, bringt man das Angebot, kommt auch die Nachfrage …

Und in die Arbeit ist natürlich das Thema weiter oben: Ich muss natürlich pünktlich zum Dienst erscheinen, wenn ich genug Puffer einplane um das auf dieser Strecke häufig vorkommende ÖPNV Chaos zum umgehen, muss ich im Vergleich zum Auto oft eine Stunde eher los, wenn nicht mehr … da brauch ich dann gar nicht mehr heim fahren.

Klar sind „Nachtarbeiter“ eine Minderheit aber es gibt genug Berufe, die nicht zu normalen „Bürozeiten“ arbeiten und von einem besseren ÖPNV profitieren würden bzw. auf’s Auto verzichten könnten.

Sehr lange Rede kurzer Sinn, das ist warum ich sehr selten den Zug („zum Zug“) nehme und mich sehr auf mein SR+ freue und jeden verstehe der vom ÖPNV in der jetzigen Form Abstand nimmt. Respekt vor jedem der trotzdem täglich 5x die Woche von Augsburg nach München mit dem Zug pendelt …

9 „Gefällt mir“

Mich wundert hier auch vor allem die bürokratische Trägheit, die das ganz schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. In meinem Wohnumfeld gibt es z.B. seit längerem die Forderung, ein Teilstück einer Bahnstrecke, die vor einiger Zeit als S-Bahn in das ÖPNV-Netz aufgenommen wurde, zu elektrifizieren (ca. 16 bis 20 km). Die größten Optimisten für dieses Projekt gehen von einer Realisierung nicht vor 2035 aus und betonen dabei immer wieder, dass das „sportlich“ sei und „ambitioniert“, dabei sind sich alle einig, dass es gemacht werden soll. Die ganze Arbeitswelt verändert sich rapide, Wohnbedürfnisse, Mobilitätsansprüche und nicht zuletzt der Zwang, endlich dem Klimawandel entgegenzuwirken, fordern schnelles Handeln, und dann rechnet man bei so einem Projekt in Jahrzehnten anstatt in Monaten… So wird das nix.

2 „Gefällt mir“

Genau, künftig fliege ich dann zum Bahnhof :crazy_face:

Ja, das ist die Zukunft. Individual-Luftverkehr :joy:

1 „Gefällt mir“

Wenn du für ordentlichen Individualverkehr bist, dann bist du nicht für ordentlichen Individualverkehr, sondern „veränderungsresistent“.

War der Zug nicht vor dem Automobil da? Also wer ist da veränderungsresistent?

1 „Gefällt mir“

Vor dem Zug war die Kutsche bzw. der Reiter, absolut individuell, wenn auch für eine etwas kleinere Bevölkerungsgruppe

Ich hatte in einer Hamburger S-Bahn einen totalen Gewaltexzess mit anschauen müssen, inkl. Untätigkeit der Polizei. Das prägt, da fährt immer eine gewisse Grundangst mit und daher vermeide ich den ÖV, so gut es geht.

3 „Gefällt mir“

Leute für den Individualverkehr sind nicht „veränderungsresistent“.

Manche mögen es nicht, wenn Ihnen von dritten vorgeschrieben wird wie man zu verkehren hat.

2 „Gefällt mir“

Individualverkehrs ist ein Privileg und wie in diesem Threat gut ersichtlich haben die letzten Jahrzehnte Autozetristischer Planung und Subvention mit gleichzeitiger verschlechterun des ÖPNVs Wirkung gezeigt. Wir haben jetzt ein Dysfunktiononales System das viele Menschen von der Mobilität ausschließt.
Die Investitionen und Subventionen in den Autoverkehr müssen dringend auf alternativen Umgeleitet werden. Dann nimmt dort wieder die Qualität zu und mit dem Fokus auch die Sicherheit in den Verkehrsmitteln.

Es gibt genug Menschen die auf Grund von Gesundheit oder anderen Gründen nicht Autofahren können/wollen.

Auch der Platzbedarf ist ja eine Katastrophe, an Verkehrsflächhe und Parkfläche für ein Gerät das zu 98% der Zeit herumsteht.

Daher muss der (Auto)Individualverkehrs drastsch reduziert werden, die aktive Mobilität in Form von Fußwegen und Radfahren muss weit stärker gefördert und den Fokus gesetzt werden.

2 „Gefällt mir“